Johannes Braig | Bildender Künstler

"329. Ist mir bekannt, dass ich sehe?"

Ludwig Wittgenstein

 


ON THE WAY TO OUTER SPACE

 

Dr. Herbert Köhler [aica] (Kunst- und Kulturpublizist)

Eröffnungsrede zur Ausstellung in der „Kleinen Galerie Bad Waldsee 



Um Irritationen vor den Gemälden zu vermeiden, möchte ich gleich zu Beginn darauf hinweisen, dass Johannes Braig verschiedene Signaturen verwendet. Also wenn da steht: Janis (mit einem oder zwei n), Jonny, OH (Onkel Hans) oder Hansi, dann ist immer er gemeint. Zur Malweise. Der Künstler orientiert sich vorwiegend an barocken, altmeisterlichen Malern, nimmt aber Acryl statt Öl. Seine Schichtenmalerei basiert auf sich überlagernden Pinselstrichen, die lasierend wirken und unzählige Farbnuancen möglich machen. Auch wichtig: Braigs jeweils monochromer Farbhintergrund versteht sich nicht als bloße Grundierung, sondern fungiert als gewollter Kontrast zum eigentlichen Bildgegestand. Wenn Johannes Braig seine Künstler-Favoriten aufzählt, geht das so: »Velasquez, Caravaggio, Joseph Anton Feuchtmayr und der oberschwäbische Barock, Courbet, Manet, Gauguin, Picasso, Dubuffet, die CoBrA-Künstler, Pollock, Henry Moore, de Kooning, Francis Bacon, Jonathan Meese und weitere.« Zitat Ende. Will man nun die Paralleloptik noch mitassoziieren, dann kommen Künstler ins Spiel wie Raoul Dufy vom Fauvismus, Georges Mathieu vom Informel und vielleicht noch Albert Chubac aus der École de Nice.


Finden Sie nicht auch? Manchmal tut es richtig gut, wenn einem die Kunst leichtfüßig, einfach und vergnügt entgegen kommt. Man hat gleich die Checkung, weiß, worum es geht, kann sich problemlos orientieren, navigiert zielsicher durch die Ausstellung und lässt sich dann oft zu der voreiligen, nicht immer laut ausgesprochenen Behauptung »Das kann ich auch« verleiten. Picasso hätte da noch zügig pariert und geantwortet, »dann mach’s doch!« Und schon sieht die Sache wieder ganz anders aus. Johannes Braig meint lapidar: »Ich übernehme keine Vorbildfunktion«, »Ich habe nie behauptet, dass Sie das nicht auch können! Aber warum sollten Sie es tun?« Dann schiebt er noch angriffslustig hinterher: »Warum besuchen Sie eigentlich Ausstellungen?«, um stolz zu bekennen: »Ich entwickle mich konsequent zum Hobbykünstler.« Selbstkritisch legt er schließlich die Frage nach: »Bin ich nicht doch blöd?«

 

Johannes Braig sagt solche Sätze nicht einfach dahin. Er hat sie in früheren Arbeiten als Bildtitel oder gleich als Bildtext eingesetzt. Die Zitate, die teilweise wie Statements klingen, verraten aber schon viel über den subversiven Schalk, den der Künstler in all seinen Arbeiten irgendwie, irgendwo eingebaut hat, … mal mehr, mal weniger offensichtlich. Und diesen Schalk sollten wir auch mitschwingen lassen, wenn es hier in diesem Fall um das Thema Aliens geht.


Ob das mit mit dem Thema selbst zusammenhängt, den Aliens, die schließlich alles dürfen: vergnügt sein, witzig sein, ernst, bunt, schwer verknautscht sein, und sogar nasenfrei sein, weil sie gar keinen guten Riecher benötigen, um uns Erdlinge ausfindig zu machen? On the Way to Outer Space, Unterwegs im Weltraum, hat Johannes Braig seine Ausstellung betitelt. Der Künstler zeigt einen Querschnitt durch seine aktuelle Werkgruppe von Porträts, die einer Spezies gewidmet ist, die seit jeher unsere Fantasien geschäftigt, unsere Vermutungen einlöst oder wenigstens bekräftigt und die einer unserer größten Sehnsüchte eine Form geben könnte: Die Versicherung, dass wir – die Menschheit – mit unserem Raumschiff Erde nicht allein unterwegs sind in den Weiten des Alls, sondern durchaus Kumpel treffen können, die eben nicht von hier sind. Allein die quälende Frage: sind es wohlgesonnene oder sind es übelwollende hält uns auf Trab, treibt uns in Spekulation, Fantasy und Science Fiction. Johannes Braig hat die Frage für sich geklärt und stellt uns seine Aliens als Typen wie Du und Ich vor. Seine Aliens unterscheiden sich also gar nicht so sehr von den uns bekannten Lebensformen auf dem Heimatplaneten, zumindest nicht so gravierend wie früher, zu Marsmännchenzeiten, immer angenommen. Sicher, die Formen der Braigschen Außerirdischen wirken manchmal wie durch den Wolf gedreht, ja, verstreckt wie durch die Verzerrungsfilter eines Francis Bacon gesehen und die Farben grell und bunt. Und manche Aliens könnten geradezu Nachbarn sein. Manche könnten – je nachdem in welchem Zustand man gerade durch die Welt geht – sogar als eigenes Spiegelbild durchgehen, etwa nach einer durchfeierten Nacht oder nach groben Schnitzern der kosmetischen Chirurgie, etwa wenn aus einer Nasenkorrektur versehentlich eine Nasenamputation geworden ist. Johannes Braigs Aliens menscheln also sehr. Das aber macht sie dann auch so unwiderstehlich, so vertraut, so sympathisch. Auf jeden Fall erscheinen uns diese Aliens nie so ganz fremd. Und so könnte man durchaus vermuten, dass sie längst unter uns sind, sich assimiliert haben, mit uns kommunizieren. So denkt man beim Anblick der Braig’schen Porträtgalerie unwillkürlich an Vollsympathen und Serienhelden wie etwa ALF, den knuffig-frechen Außerirdischer vom Planeten Melmac, der mit seinem Raumschiff auf der Garage der US-amerikanischen Durchschnittsfamilie Tanner bruchgelandet war und anschließend vor Nachbarn und Behörden versteckt werden muss.


Auch der verträumt-desorientierte und heimatverlorene Außerirdische E.T. von Regisseur Steven Spielberg könnte einem einfallen. Und noch einige mehr. Vor etwa zwei Jahren kam Johannes Braig auf die Idee, seinen Außerirdischen ein Gesicht zu geben – oder soll ich besser sagen, Gesichter für Außerirdische bereitzustellen. Er begann damit, eine Porträtgalerie anzulegen. Begegnet war er seinen Aliens nicht nur auf seinen eigenen, virtuellen Expeditionen durch das Universum, viel Entdeckerarbeit nahmen ihm vor allem erfolgreiche US-amerikanische Fernsehcomicserien ab. Die wichtigsten waren die Serie South Park, die es seit 1997 gibt und in der runde smiley- Gesichter bitterböse bis schärfste Gesellschaftskritik üben. Dann die Serie Futurama, die es seit 1999 gibt und die von den Machern der Simpsons’ erfunden wurde. Dann die Serie American Dad, die seit 2005 im Fernsehen läuft. In allen drei TV-Serien laufen Typen herum, die sich irgendwie bei Johannes Braig einschleichen konnten. Diese Tatsache aber bestätigt lediglich, dass die verschiedenen Sichtungen von Aliens in etwa zum gleichen Erscheinungsbild gekommen sein müssen. Unterschiedliche Quellen, gleiches Ergebnis! Ganz klar ein Beweis, dass es sie wirklich gibt!


Johannes Braigs Smiley-Alien von 2015 könnte in South Park gesichtet worden sein. In Futurama gibt es einen Dr. John Zoidberg vom Planeten Decapod 10. Ihm lappt statt einer Nase ein 4-fingriger Kamm über die Stirn. Er praktiziert als Arzt, verfügt jedoch über keine Kenntnisse der menschlichen Physiologie und promoviert wurde er – wie könnte es anders sein – in Kunstgeschichte. In American Dad gibt es einen Alien ohne Nase. Der heißt Roger, ist 1947 mit einem UFO im legendären Roswell, New Mexico, abgestürzt und lebt seitdem auf der Erde. Eigentlich war er als Crashtest-Dummy in seinem Raumschiff unterwegs. Roger lebt auf dem Dachboden im Haus der Familie Smith. Er liebt Fernsehen, Zigaretten, Kokain, Fastfood und Alkohol. Johannes Braig malt seinen Roger deshalb blau.

Johannes Braig ist weder Astro- oder Exobiologe noch Verschwörungstheoretiker. Kontakt zu Außeridischen nimmt der Künstler für gewöhnlich über Fernsehserien auf. In solchen Serien ist Zukunft Realität, außergewöhnliche Erscheinungs- und Lebensformen sind Normalität und das Abstruse die Regel.


In allen drei genannten Comicserien gibt es immer wieder ironische Anspielungen auf die Umtriebe der seit Jahrzehnten sagenumwobenen bis mysteriösen Area 51, diesem militärischen Sperrgebiet der US-Air Force im Bundesstaat Nevada. Hier auf Area 51 soll es sogar einen Lande- und Startplatz für UFOs geben. Unter Ausschluss einer leicht zu  verschreckenden Öffentlichkeit soll auf dem Hochsicherheitsgelände besonders intensiv nach außerirdischem Leben geforscht werden. In den USA gibt es übers ganze Land verteilt auffällig viele Gruppen, die sich mit Aliens und deren Lebens- und Erscheinungsformen beschäftigen. Solche passionierte Gruppen behaupten sogar, in Kontakt mit Außerirdischen treten zu können, ja, normale Beziehungen zu ihnen zu pflegen und von ihnen Botschaften zu erhalten. Dann gibt es die Fallensteller, die vorgeben, mit ihren methoden Aliens einfangen zu können. Immer wieder gelingt den Jäger ein spektakulärer Fang, den dann aber nur sie sehen und wahrnehmen können, während das gespannte Publikum nichts erkennen kann, dafür aber nicht weniger überschwenglich mitfeiert. Wie dem auch sei. Die Menschen sind fasziniert von der Vorstellung, es könnte sie wirklich geben, diese Außerirdischen. Das ist einfach eine angeborene fixe Idee der Menschheit. Aber warum sollten diese Aliens gerade organisch angelegt und von ihrer Gestalt her uns denn so ähnlich sein?


Hier kommt die Psychologie ins Spiel. Wir Erdlinge können uns das Fremde besser vorstellen, wenn es eine uns vertraute Erscheinungsform annimmt. Es geht um den Nähebezug. Wir wollen geliebt werden von den Außerirdischen und wir wollen sie lieben können. Das zwangsläufig Fremde einer extraterrestrischen Population wird also dadurch neutralisiert, indem sie daherkommt wie Du und ich. Das wirkt angstlösend, vorurteilshemmend und schließlich verbrüdernd. Denn wenn unser Raumschiff Erde in den Weiten des Universums überhaupt eine Zukunft haben soll, dann braucht es die da draußen.


 

 

 "Will uns der Künstler etwas sagen?"

Andrea Dreher, Mai 2009

Der vorübergehende Rückzug aus der Figuration in den 1990ern und daraus resultierend die Suche nach einer neuen malerischen Positionierung führte Johannes Braig zur Abstraktion. In der Auseinandersetzung mit der Welt der Farben und Formen kristallisierte sich bald der Schwerpunkt der Farbe heraus. Braig ergründete seine Bildwelt über Farben, Farbwirkungen und Farbkontraste. Er entwickelte ein höchst sensibles Gespür für Farbe und experimentierte mit deren Verwendung auf der Leinwand und an konstruktivistisch reduzierten Aluminiumobjekten. Doch rückblickend war auch während der abstrakten Jahre die Figuration stets präsent, noch nicht auf den Kunstwerken sichtbar, aber im Geiste längst angelegt. Der Künstler selbst bezeichnet diese Phase als „Verpuppung“ – eine Verpuppung der Figur in der Form. Die Beschäftigung mit den Bildern des großen Francis Bacon war ein Auslöser, dass Johannes Braig vor einigen Jahren an den Punkt kam, Farbe und Figur wieder miteinander zu verbinden. In seinem Archiv der „weiblichen Figur“ schlummerten zahllose Körper und schienen nur darauf gewartet zu haben, sich endlich vor den monochromen Hintergründen behaupten zu können. Eine Ausstellung mit Werken des 1962 geborenen deutschen Malers Daniel Richter (der im übrigen bis zum Jahr 2000 nur abstrakte Bilder malte) ließ definitiv den „Knoten platzen“. „Ich begriff plötzlich“, so Braig im Gespräch,  „dass es sich wieder lohnt zu malen.“ Das neue Selbstbewusstsein gab ihm den Antrieb für die Rückkehr zu einem Werk im Wechselspiel von Farbe und Figur.

Doch Johannes Braig wollte noch intensiver eintauchen in die „Tiefen“ der Kunst und begann sich für die Regeln des Kunstmarktes zu interessieren. So hat er im Jahr 2005 mit Kollegen die Galerie fine arts 2219 in Stuttgart eröffnet. Als Ausstellungsmacher, Kurator und Galerist wechselte Braig bewusst das Lager. Natürlich hinterließ diese Arbeit auch originäre Spuren in seinem künstlerischen Werk. In der Folge entstanden Texttafeln mit dem gänzlichen Verzicht auf eine bildnerische Darstellung. Diese Texttafeln der letzten Jahre offenbaren subtile Einblicke in die Gründe und Abgründe des Kunstmarktes. Die Künstlerkollegen werden darin geduzt, die potenziellen Käufer gesiezt. So wie es die Stärke der Malerei ist, sich dem nachweislichen rationalen Zugang zu entziehen, so ist es die Stärke des Textes, verstanden oder missverstanden zu werden. Insbesondere in den Texttafeln und Textbildern fordert Braig beides von sich und von uns Betrachtern: Die einen lockt er über den Verstand, die anderen über das Gefühl. Lapidar kommentierte Johannes Braig beim Aufbau der aktuellen Ausstellung: „Jeder kann sehen, was er will“ ... – sagt es und setzt dabei sein ironischen Lächeln auf. Wir als Betrachter mögen uns fragen, welche Rolle der Künstler uns in der Ausstellung zugedacht hat. Keineswegs nur die des Zuschauers!

Im Zuge der zahlreichen Publikationen rund um die jüngste wirtschaftliche Rezession im Lande und auf der Welt steht natürlich auch die Kunst auf dem Prüfstand. Im Kundenmagazin eines großen Finanzdienstleisters war im letzten Monatsheft über KUNST zu lesen: „Schöner als Aktien“, „Schönes darf kosten“ oder „Wenn es so einfach wäre, mit der Kunst Geld zu verdienen, würde keiner mehr Aktien kaufen“. Ein Auktionator stellte als Krönung des Artikels die „Goldenen Regeln für den Kunstkauf“ zusammen und selten wurden mir die Beweggründe für Braigs Texttafeln und Textbilder so klar wie nach der Lektüre dieses Heftes. Man könnte Johannes Braig sein zielgruppenorientiertes Auftreten und sein verkaufsstrategisches Handeln zum Vorwurf machen, wäre nicht alles viel komplizierter. Denn: Sind Braigs Textbilder tatsächlich Früchte rationaler Arbeit? Lösen seine Frauenfiguren wirklich positive Gefühle aus? Ist es nicht eher so, dass uns bei so manchem Textbild das Lachen im Halse stecken bleibt oder dass wir uns gar in unserem „Nachdenken über Kunst“ ertappt fühlen. Und sind nicht die meisten Körper gespenstisch verkrümmt und grausam verzogen?

Braig weiß um den Reiz der Farbe und so mag man insbesondere bei den Großformaten kurze Zeit dem Zauber der barocken Farbigkeit erliegen. Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, würden wir die bildnerische Aussage allein auf deren Farbigkeit reduzieren. Vielmehr drängen sich Anlehnungen an den deutschen Rokoko auf. Der 1770 am Bodensee verstorbene Künstler Joseph Anton Feuchtmayer galt als Hauptmeister eines Rokoko, in dessen Werk sich dramatischer Ausdruck mit einer Neigung zum Spielerischen und Absonderlichen verband. Wer unter dem Motto „Braig trifft Rokoko“ die figurativen Bilder der letzten Jahre betrachtet, spürt förmlich, wie diese durchdrungen sind von der malerischen Suggestivkraft vergangener Jahrhunderte. Denn die teils bizarren Körperbilder von Johannes Braig lösen Diskussionen aus über Weiblichkeit, Körperlichkeit, Schönheit und Vergänglichkeit. Diese schablonenhaften Wesen werfen weder Schatten noch tragen sie Attribute. Schutzlos, alleine und ganz mit sich selbst beschäftigt scheinen sie sich vor fiktiven Spiegeln zu räkeln und nichts zu ahnen vom Betrachter, dessen Augen ihre Körper fokussiert. In den neuesten Bildern scheinen diese ephemeren Körper dem Irdischen völlig enthoben. Die starke Kontur früher datierter Werke löst sich in den neuen Bildern zugunsten einer malerischen Linienführung auf. Die Malerei gewinnt wieder Oberhand im Werk des Künstlers.

Wie verhält es sich nun mit den Textbildern? Kommen manche nicht auffällig stümperhaft und schwerfällig daher? Zwar entwirft  Braig seine Buchstaben am Computer mit einer großen Sensibilität für die Schrift, aber er setzt seine Buchstaben im Bild bewusst amateurhaft, indem er kompositorische, orthografische und stilistische Regeln willentlich missachtet. Wollte man der Gattung Text- und Schüttbild in seiner vermeintlich „handgestrickten“ Version eine Rolle im Theater einer Ausstellung zukommen lassen, so ist es die des Protests, des Aufruhrs, der Mobilisierung. Frei nach dem Motto: Jedweder kunstpolitische Aktionismus ist erwünscht! Das Titelbild der Ausstellung „Will uns der Künstler etwas sagen“ gehört zur Reihe der „Schüttbilder“, in denen sich verbale und nonverbale Botschaften aufs Genialste verbinden. In seinen „Schüttbildern“ präsentiert uns Johannes Braig geballt und kraftvoll die Koexistenz von Text, Figur und formalem Zitat. Scheinbar flüchtig collagiert er Fotos mitten hinein in diese gestische Malerei. Die Irritation ist perfekt. Reizüberflutet stehen wir vor diesen großen Formaten und können – sofern wir wollen – eine ganze Lawine interpretatorischer Kommentare auslösen.

In seinem Artikel „Kunst, Erkenntnis und Verstehen. Eine Verteidigung einer kognitivistischen Ästhetik“ (erschienen in: Wozu Kunst. Die Frage nach ihrer Funktion, 2001) resümiert der Philosoph Oliver R. Scholz: „Wir lernen also unterschiedliche Dinge aus Kunstwerken und das auf vielerlei Weisen: Kunstwerke können unsere sensorischen Unterscheidungsfähigkeiten erweitern und kultivieren; sie erschließen uns Züge an Dingen und Personen, die uns sonst verborgen blieben; sie bieten neue Schemata zur Kategorisierung und Ordnung von Wirklichkeiten an; sie schulen moralische Phantasie und das moralische Urteilsvermögen; sie bereichern und differenzieren unsere emotionale Sensitivität und unsere Selbsterkenntnis; schließlich können sie uns grundsätzlich sogar zu wahren Meinungen und in der Folge auch zu Wissen verhelfen.“ (S. 47/48) Nehmen wir diese kunsttheoretische Erkenntnis als Antwort auf die Leitfrage dieser Ausstellung: „Will uns der Künstler etwas sagen“, so kann und muss diese Frage von Johannes Braig als rhetorisch entlarvt werden. In der Tat unterstelle ich dem Künstler und Menschen Braig, dass er schlimmsten- oder bestenfalls durch seine Kunstwerke „en gros“ das einzulösen versucht, was der Philosoph Oliver R. Scholz in seinem Text proklamiert.
 

 



"Trostspendende Sonntagsveranstaltung"

Stefan Schuler zur Ausstellung im Ludwigsburger Kunstverein

Der Stuttgarter Künstler Johannes Braig zeigt eine Reihe von Textbildern bzw. Bilder, bei denen integrierte Sprüche und Texte eine zentrale Rolle spielen. Dementsprechend sind sie von auffallend kommunikativem Charakter. Man braucht sie nicht lange auf sich wirken zu lassen. In ihrer fröhlichen Buntheit und ihrer formalen Aufgeräumtheit springen sie den Betrachter förmlich an. Und ganz praktisch angelegt sind die Textbilder auch: Die wichtigste Frage des Betrachters – nämlich: Was will uns der Künstler damit sagen? – ist schnell beantwortet: Das ist ja auf den Bildern aufgemalt… Diese Bemerkung war natürlich nicht ganz ernst gemeint, aber sie führt uns mitten hinein ins Werk von Johannes Braig. Denn die Ironie ist zweifelsohne dessen zentrales Stilmittel.
Die Ironie verwendet Braig für unterschiedliche Zwecke. Mal zielt er auf den schnellen Witz und die sichere Pointe, mal will er provozieren oder bloßstellen. Mal bringt er damit die eigene Verwirrung und Unsicherheit zum Ausdruck, ein anderes Mal wieder ist es der Betrachter, dem er ein Rätsel stellt. Auffallend dabei ist, dass er nie die Grenze zum Sarkasmus oder zum Zynismus überschreitet. Für Hetze, Beschimpfung, Beleidung oder unflätigen Ausdruck ist kein Platz in seinen Bildern. Braigs Ironie ist stattdessen fein ziseliert und wohldosiert. Sie fußt auf guter Beobachtungsgabe und reichlich intendiertem Hintersinn. Der Humor, der daraus resultiert, wirkt bisweilen ein bisschen gewollt anachronistisch; ihm wohnt etwas „Onkelhaftes“ inne. Braigs Bilder erinnern deshalb an den Großmeister dieser Art von Humor: an Loriot.

Auch vom Inhalt her betrachtet lässt sich in Braigs Arbeiten ein zentrales Thema festmachen: Ihm geht es um die Kunst. Auf den Punkt gebracht kann man festhalten: Braig macht Kunst über Kunst. Dabei spannt er einen weiten Bogen: Mit fundamentalen Anliegen ( „Was ist Kunst?“ „Wozu überhaupt Kunst?“) setzt er sich ebenso auseinander wie mit Fragen der Ästhetik oder den Mechanismen und Wechselwirkungen des profanen Kunstbetriebs im Allgemeinen und des kommerziellen Kunstmarktes im Speziellen.

In der Kombination aus Stilmittel und Inhalt, oder anders ausgedrückt: wenn Braigs Ironie in den Kunstbetrieb fährt, bekommt jeder sein Fett ab: Käufer, Betrachter, die Schar der sogenannten Experten (Kuratoren, Galeristen, Kritiker, Preis-Juroren), der Künstler als solcher selbst. Und auch die wohlwollenden Besucher seiner eigenen Ausstellung sind vor Braigs Ironie nicht sicher. Die nämlich lockt er mit dem harmlos, allenfalls milde blasphemisch klingenden Titel „Trostspendende Sonntagsveranstaltung“. Wer weiß schon, dass dieser Begriff auf keinen Geringeren als den Frankfurter Philosophen Adorno zurückgeht, der damit seinen Spott über den bürgerlichen Kunstkonsum auf den Punkt brachte?

Braig ist also nicht abgeneigt, falsche Fährten zu legen. Auch wirken seine Bilder darauf angelegt, vom Betrachter auf den schnellen Blick erfasst und nicht weiter reflektiert zu werden. Doch das ist pures Understatement! Ein Fehler wäre folglich, Braigs Arbeiten auf den Text zu reduzieren. Braig ist bildender Künstler, und er inszeniert keine Lesungen, sondern Gemälde-Ausstellungen. Seine Botschaften setzt er auf subtile Weise auch malerisch um und fort. Manche Bildkomposition, Farbgebung und Ausführung ist für sich selbst genommen reinste Ironie. Verrutschte Buchstaben, vermeintlich missglückte Zeilenumbrüche, kitschig und deplatziert wirkende Details – das ist aller Teil der künstlerischen Strategie. Ein anderer Fehler wäre, bei all der fröhlichen Buntheit und der lustigen Grundstimmung in den Bildern, die gedankliche Tiefe und die Ernsthaftigkeit in Braigs Werk zu übersehen. Braig lässt tiefe Einblicke in das eigene Hadern und das Ringen um Resultate zu. Dabei geht es ihm weniger um die Nabelschau in eigener Sache. Ihm geht es vor allem um das große Ganze – die Kunst als solche.

Braig macht Kunst nicht nur aus dem Bauch heraus, er versucht auch, sie vom Verstande her anzugehen. Kunstwissenschaftler und -denker geben ihm dabei wichtige Impulse. Der bereits erwähnte Adorno scheint ihm besonders nahe zu stehen. Vor allem die Paradoxien, die Adorno in seiner „Ästhetischen Theorie“ beschreibt, reizen ihn und legen zugleich den Grundstein für die künstlerische Freiheit, die sich Braig nimmt. Solche Paradoxien lauten etwa: „Die Funktion der Kunst in der gänzlich funktionalen Welt ist ihre Funktionslosigkeit.“ Oder: „Zur Selbstverständlichkeit wurde, dass nichts, was die Kunst betrifft, mehr selbstverständlich ist.“ Es lohnt sich folglich, Braigs so populär angelegte Kunst auch einmal von dieser „Kopf-lastigen“ Seite anzugehen.
Johannes Braig, Jahrgang 1967, hat an der HdK (jetzt: UdK) Berlin und an der École Nationale Supérieure des Beaux Arts Paris bei Annette Messager Kunst studiert. Als Meisterschüler in der Klasse von Leika Ikemura hat er sein Kunststudium abgeschlossen.

Es folgten Ausstellungen u.a. in Ravensburg, Stuttgart, Paris und Berlin. Neben figurativen Arbeiten, bei denen Braig eine ganz eigene Formen- und Farbsprache gefunden hat, entstehen seit einigen Jahren auch die Textbilder, die den Schwerpunkt seiner Ludwigsburger Ausstellung bilden.
 

 

"Wer hat Angst vor Rosa, Türkis und Himmelblau?" 


Stefan Schuler, August 2005 


Was der Ausstellungstitel erahnen lässt, bestätigt sich auf den ersten Blick: Es geht bunt und farbenfroh zu in der Bilderwelt des Johannes Braig. Da mischen sich kräftige Töne zu wilden Farb-Collagen, leuchtet freundliches Hintergrund-Kolorit, posieren poppig bunte Figurenwesen. Man ahnt: Hier malt keiner, der sich zum Gesellschafts-, Welten- oder Zeitenkritiker berufen fühlt, sondern ein Künstler, der nach ausdrucksvoller Ästhetik strebt.


Die Ausstellung „Wer hat Angst vor Rosa, Türkis und Himmelblau?“ zeigt Werke, die zwischen 2003 und 2005 entstanden sind. Zur ersten Orientierung lässt sich die Ausstellung wie folgt beschreiben: Zu sehen sind zwei Werkgruppen. Die erste, zeitlich ältere, besteht aus einer Serie von Spruchbildern: Blanke, in wenigen Worten und unmittelbar verständlicher Sprache auf die Leinwand gebrachte Ironie; dazu abstrakte Farbflächen und Verläufe, die auf den ersten Blick wie bloße Dekoration wirken, bei längerer Betrachtung jedoch durch ihre eigenwillige Ästhetik und Farbfreude fesseln. Die zweite Werkgruppe besteht aus Zeichnungen und großformatigen Acryl-Bildern, die Frauenfiguren in anmutigen Gesten vor strikt mono-chrom gehaltenem Hintergrund zeigt. Dazwischen liegen Werke, die gemäß ihrer Entstehung als „Schütt-Bilder“ tituliert werden können. Sie zeigen, ebenfalls vor monochromen Hintergrund, Figuren, die teils durch bewussten Farbauftrag, teils durch nur begrenzt kontrollierbaren Farbfluss „geworden“ sind. Im Ausstellungsensemble wirken diese dynamischen Figuren-Bilder als Bindeglieder, sozusagen als Übergangsmotive von den abstrakten Farbflächen der Spruchbilder zu den figürlichen Arbeiten. 


Eine weiterführende Annäherung an die Ausstellung erschließt sich über die Spruchbilder. 
Es ist ein bekanntes Bild-Arrangement fürs Fernseh-Interview oder das Hochglanz–Porträt: Im Vordergrund der Politiker oder Wirtschaftsführer, im Hintergrund bildfüllend und kontrastreich zu Anzug und Krawatte „abstrakte Malerei. Die damit verbundene, subtil gemeinte, aber meist aufdringlich wirkende Kommunikationsabsicht ist klar: Hier handelt es sich nur Äußerlich um einen Machtmenschen, innerlich jedoch um einen sensiblen, tiefgründigen, weil Abstraktion goutierenden Feingeist. Derlei Instrumentalisierung kontert Johannes Braig mit purer Ironie. Eine verwegen triefende Farbschlacht in Acryl versieht er mit dem knappen Hinweis ‚Abstrakt-wabernde Masse für die Vorstandsetage“. 


Gebrauchsanweisung oder Inhaltsangabe?

Möge der Betrachter selbst entscheiden.
Dieses Bild steht exemplarisch für die Spruchbilder, in denen Braig den gesamten Kunst-Betrieb auf die Schippe nimmt. Ein weiteres Werk etwa zielt auf das oft verständnisfreie Verhältnis von Publikum und modernem Künstler: „Ich habe nie behauptet, dass Sie das nicht auch können“, erklärt Braig vor willkürlichem Farbklecksmotiv, und fragt dann mit scheinheiliger Provokation: „Aber warum sollten Sie es tun?“ In einem anderen, nicht gezeigten Bild („Ich will auch einen Kunstpreis“) bettelt er in Schmunzeln machender Art um Ruhm und Anerkennung. 
Mit seinen Spruchbildern verlässt Braig jedoch nie den Rahmen humoriger, freundlicher Ironie weder verbal noch malerisch. Verletzende Bissigkeit und Sarkasmus sucht man vergebens. Seine Ironie ist klar, offensichtlich und verständlich. Das wiederum macht stutzig. Sollte mehr dahinter stecken?
Zur Beantwortung dieser Frage mag ein streifender Blick auf die debattenreiche Disziplin des „Theoretisierens über Kunst“ hilfreich sein. Vom Ende der Malerei, gar vom Ende der Kunst ist dort oft die Rede und davon, dass in der Kunst nichts Neues mehr möglich sei, da alles schon da gewesen, gemalt, erschaffen, aufgeführt usw. sei. Dieses endzeitliche Postulat nimmt Johannes Braig zum Ausgangspunkt neuer schöpferischer Freiheit: Wo nichts (Neues) mehr möglich ist, wird für ihn alles (wieder) möglich. So greift er wie selbstverständlich auf das tradierteste aller Kunst-Medien „die Leinwand“  zurück, karikiert das eigene Hadern mit fröhlicher Ironie, bekennt sich zu farbiger Ästhetik (ohne Scheu vor der Nähe zum Kitsch) und malt mit Vorliebe ein seit Urzeiten immer wiederkehrendes Motiv: Frauenkörper. Als Künstler verzichtet er so bewusst auf kunstgeschichtliche Konsistenz und zieht dem konsumptiven Zugang zur Kunst („Will uns der Künstler etwas sagen?“) mit farbenfroher Unbekümmertheit eine lange Nase.


So besehen rückt auch der Ausstellungstitel in ein anderes Licht. Naheliegend ist die Vermutung, hier handle es sich um eine Anspielung auf die Bilder-Serie“Who is afraid of Red, Yellow and Blue?“ des amerikanischen Puristen Barnett Newmann (1905-1970). Aber ist er das wirklich? Für sich betrachtet ist der Titel eine gelungene Überschrift über eine Ausstellung, die dem Betrachter tatsächlich eine Auseinandersetzung mit kräftigem Rosa, Türkis und Himmelblau abverlangt. (Dieses poppige Kolorit mag akzeptabel sein als saisonal begrenzte Mode-Farbe für Flip-Flops oder ähnliche Accessoires, im Zusammenhang mit Kunst steht es allerdings unter Kitsch-Verdacht.)

Doch wo ist nun das Verbindende zwischen Braig und Newman? Wahrscheinlich nicht vorhanden, zumindest vom Künstler nicht beabsichtigt. Man darf sich allerdings einen zufriedenen Johannes Braig vorstellen angesichts der unausbleiblichen Versuche, durch die Kunstgeschichte eine verbindende Gerade von Newman nach Braig zu ziehen.
Falsch wäre indes der Schluss, Braig sei gänzlich positionslos. Dies belegen seine Frauenkörper. Er zeichnet und malt sie in vielfältigen Posen und Gesten: Ruhend, tanzend, winkend, kauernd, immer zum Spiel fantasievoller Betrachtung einladend. Großzügige freie Hintergrundflächen in erfrischenden Farben lassen den Figuren Raum für ihre Bewegungen. Ihre Körperpartien sind bunt ausgemalt, Details wie Extremitäten und Gesichter nur angedeutet. Dennoch wirken die Figuren anmutig, grazil und lieblich: „Goldige Weible“ in den treffenden Worten einer schwäbischen Betrachterin.
Diese Werkgruppe hebt sich ab von den Spruchbildern. Hier ist keine Ironie im Spiel, kein zu Kunstwerken geronnenes Ringen um schöpferische Resultate. Diese Bilder geraten als ästhetisches Ergebnis selbstbewussten künstlerischen Ausdruckswillens zum Plädoyer für die Kunst an sich. Von hier aus ist es nicht mehr weit zum berühmten Postulat des New Yorker Avangardisten Ad Reinhardt (1913-1967): „Kunst ist Kunst-als-Kunst, und alles andere ist alles andere.“